25. Oktober 2026
Tod mit 19: Wie der Herzstillstand von Can Akaş für die globale Anti-Dampfer-Propaganda missbraucht wird
Ein 19-Jähriger bricht tot zusammen. Die Koffer für das Studium in Mailand stehen bereit, das Leben sollte gerade erst richtig losgehen. Es ist der absolute Albtraum für alle Eltern. Doch noch während der Leichnam von Can Akaş in der Istanbuler Rechtsmedizin liegt und der endgültige Obduktionsbericht komplett aussteht, kennen die Medien weltweit bereits den Mörder: die E-Zigarette.
Euronews, türkische Leitmedien wie NTV oder Cumhuriyet und zahllose Portale feuern die Schlagzeile im Minutentakt raus. Ein kollektives Urteil ohne Beweise. Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter der menschlichen Tragödie ein perfides Lehrstück über mediale Manipulation, gescheiterte Verbotspolitik und das systematische Ignorieren wissenschaftlicher Fakten.
Das Drama von Istanbul: Was wirklich geschah
Am Montag, dem 19. Oktober 2026, stirbt Can Akaş völlig unerwartet in Istanbul an plötzlichem Herzversagen. Can ist nicht irgendwer. Er stammt aus der kulturellen Oberschicht der Türkei. Sein Vater Cem Akaş ist ein bekannter Schriftsteller und Chefredakteur des renommierten Verlags Can Yayınları, seine Mutter Esra Özdoğan eine angesehene Fotokünstlerin. Can hatte seine Schulzeit abgeschlossen und war frisch für ein Designstudium an der Domus Academy in Mailand angenommen worden.
Einen Tag nach dem Tod, am 20. Oktober, findet die Beerdigung auf dem Hekimbaşı-Friedhof in Ümraniye statt. Die halbe Literaturszene Istanbuls ist vor Ort. Direkt im Anschluss tritt der trauernde Vater vor die Mikrofone der Presse. Unter Schock und gezeichnet von einer eigenen fünfjährigen Krebstherapie sucht er nach einer Erklärung für das Unfassbare.
Cem Akaş schildert den Reportern eine Szene, die sich kurz vor dem Tod abgespielt haben soll. Can habe schlecht ausgesehen. Die Eltern hätten ihn gefragt, ob er Drogen nehme. Die Antwort des Jungen: Nein, welche Drogen, ich rauche nur diese eine E-Zigarette. Der Vater sagt vor laufenden Kameras, er habe sich damals beruhigt. Ein Fehler, wie er heute glaubt. Hätte er dieses Ding namens E-Zigarette ernster genommen, wäre sein Sohn noch am Leben. Er kündigt an, seine verbleibende Lebenszeit dem Kampf gegen das Dampfen zu widmen.
Eine hochemotionale Aussage eines gebrochenen Vaters. Psychologisch vollkommen nachvollziehbar. Wenn das eigene Kind ohne Vorwarnung stirbt, sucht das Gehirn verzweifelt nach einem greifbaren Schuldigen. Die Zufälligkeit des Schicksals lässt sich kaum ertragen. Ein klarer Feind wie ein Konsumprodukt gibt dem Schmerz eine Richtung.
Das Problem ist nicht die Trauer des Vaters. Das Problem sind die Journalisten, die daraus ohne jede kritische Prüfung eine weltweite Kampagne zimmern.
Urteil vor der Obduktion: Wenn Journalismus zur Agitation wird
In den Originalberichten des türkischen Senders NTV stehen gleich zwei Details, die das gesamte Narrativ der deutschen Berichterstattung erschüttern. Erstens: Die endgültige Todesursache soll erst noch durch einen Bericht des Instituts für Rechtsmedizin (Adli Tıp Kurumu) geklärt werden. Zweitens kommt in den türkischen Quellen ein enger Freund von Can Akaş zu Wort, der bei der Trauerfeier klarstellt: Can habe die E-Zigarette nur sehr selten und sporadisch genutzt, eigentlich kaum gedampft. Gleichzeitig sickerte bereits durch, dass das vorläufige toxikologische Screening sauber war. Keine klassischen Drogen im Blut.
Fassen wir zusammen. Ein junger Mann, der laut Freunden kaum gedampft hat, stirbt an Herzversagen. Die Gerichtsmedizin hat die Gewebeproben und das Herz noch gar nicht abschließend untersucht. Niemand weiß, ob ein angeborener Herzfehler, eine unerkannte Herzmuskelentzündung oder ein genetischer Defekt vorlag. Trotzdem titeln Redaktionen quer durch Europa mit der Schuld der E-Zigarette.
Türkische Zeitungen karrten binnen Stunden Kardiologen und Psychiater heran, die vor einer angeblichen Puff-Epidemie unter Zwölfjährigen warnten und behaupteten, das Dampfen zerstöre akut Herz und Lunge. Aus einer unbewiesenen Vermutung trauernder Eltern wurde über Nacht eine medizinische Tatsache konstruiert. Euronews hängte an den Artikel direkt die Standard-Textbausteine der Weltgesundheitsorganisation WHO und der US-Behörde CDC an. Schwermetalle, krebserregende Chemikalien, Hirnentwicklung bei Jugendlichen. Das volle Programm der Angstkommunikation.
Journalistische Sorgfaltspflicht sieht anders aus. Wenn jemand nach dem Trinken einer Tasse Kaffee einen Herzinfarkt erleidet, schreibt kein Redakteur dieser Welt, dass Filterkaffee junge Menschen tötet. Beim Thema E-Zigarette fällt jede journalistische Hemmschwelle. Die Schlagzeile bringt Klicks und bedient das gewünschte politische Narrativ. Sollte der rechtsmedizinische Bericht in einigen Wochen zeigen, dass Can Akaş an einer verschleppten Myokarditis starb, wird es dazu keine einzige Korrekturmeldung auf den Titelseiten geben. Die Lüge hat ihren Zweck dann längst erfüllt.
Der Elefant im Raum: Die gescheiterte Prohibition in der Türkei
Wer den Fall Can Akaş verstehen will, muss auf die Gesetzeslage in der Türkei blicken. Ein Detail, das die deutschen Medien ihren Lesern komplett verschweigen.
In der Türkei sind der Import, die Herstellung und der Verkauf von E-Zigaretten sowie Liquids per Gesetz strikt verboten. Es gibt im ganzen Land keinen einzigen legalen Dampferladen. Es gibt keine staatliche Qualitätskontrolle, keine geprüften Inhaltsstoffe und keinen Verbraucherschutz, wie wir ihn durch die europäische Tabakproduktrichtlinie (TPD) kennen.
Gleichzeitig ist die Türkei ein Land mit einer massiven Raucherquote. Fast ein Drittel der Erwachsenen raucht normale Tabakzigaretten, bei den Männern ist es fast jeder Zweite. Der türkische Staat verdient über extrem hohe Verbrauchsteuern Milliarden an den herkömmlichen Zigaretten der großen internationalen Tabakkonzerne. Die Alternative zur Tabakzigarette wurde hingegen komplett in die Kriminalität gedrängt.
Was passiert, wenn ein Staat ein gefragtes Produkt verbietet? Es entsteht ein gigantischer, unkontrollierter Schwarzmarkt. Auf den Straßen Istanbuls, in Hinterhof-Kiosken und über Telegram-Gruppen florieren geschmuggelte Einweg-E-Zigaretten zweifelhafter Herkunft. Niemand weiß, was in diesen illegalen Geräten steckt. Oft sind es billigste Nachbauten aus unregulierten Untergrundfabriken, befüllt mit gepanschten Flüssigkeiten, hochdosierten synthetischen Zusätzen oder gestreckten Ölen.
Wir kennen dieses Phänomen aus dem Jahr 2019 in den USA. Damals sorgte die sogenannte EVALI-Krise für weltweite Panik. Dutzende Menschen starben an akutem Lungenversagen. Wochenlang gaben Medien und Behörden der E-Zigarette die Schuld. Erst später musste die US-Behörde CDC zugeben, dass kein einziges reguläres Nikotin-Liquid für die Todesfälle verantwortlich war. Die Opfer hatten auf dem Schwarzmarkt gepanschte THC-Kartuschen gekauft, die von kriminellen Dealern mit Vitamin-E-Acetat gestreckt worden waren.
Sollte die türkische Rechtsmedizin im Fall von Can Akaş tatsächlich eine Substanz aus seinem Gerät als Auslöser finden, wäre das kein Beweis für die Gefährlichkeit regulärer E-Zigaretten. Es wäre der blutige Beweis dafür, dass staatliche Verbote Menschenleben gefährden, weil sie Konsumenten in die Arme von skrupellosen Schwarzmarktpanschern treiben.
Wissenschaft statt Bauchgefühl: Führt Dampfen zum plötzlichen Herztod?
Schauen wir auf die harte Wissenschaft. Kann eine normale, regulierte E-Zigarette bei einem 19-Jährigen ein plötzliches Herzversagen auslösen?
Die medizinische Datenlage dazu ist eindeutig. Seit rund zwanzig Jahren sind E-Zigaretten auf dem Markt. Weltweit nutzen über 80 Millionen Menschen diese Geräte täglich. In Ländern wie Großbritannien oder Neuseeland werden sie von den Gesundheitsbehörden aktiv als Mittel zur Schadensminimierung (Harm Reduction) für Raucher empfohlen. In diesen zwei Jahrzehnten und bei Milliarden von Nutzungstagen gab es weltweit keinen einzigen wissenschaftlich dokumentierten Fall, bei dem ein Mensch durch das Inhalieren von regulärem Liquid aus Propylenglykol, pflanzlichem Glycerin, Lebensmittelaromen und Nikotin einen akuten Herztod erlitten hätte.
Ein plötzlicher Herztod (Sudden Cardiac Death) bei unter 20-Jährigen ist ein bekanntes, wenn auch seltenes medizinisches Phänomen. Es trifft oft völlig gesund wirkende junge Menschen, nicht selten sogar Leistungssportler mitten auf dem Fußballplatz. Die Ursachen sind in der Kardiologie bestens erforscht:
- Verschleppte Herzmuskelentzündung (Myokarditis): Oft ausgelöst durch einen harmlosen viralen Infekt Wochen zuvor. Der Betroffene fühlt sich schlapp, sieht blass und krank aus, genau wie Can Akaş laut seinen Eltern am Mittag vor seinem Tod.
- Angeborene strukturelle Herzfehler: Etwa eine hypertrophe Kardiomyopathie, eine krankhafte Verdickung des Herzmuskels, die jahrelang unbemerkt bleibt.
- Elektrische Reizleitungsstörungen: Genetische Defekte wie das Brugada-Syndrom oder das Long-QT-Syndrom, die aus dem Nichts zu tödlichem Kammerflimmern führen.
Und welche Rolle spielt Nikotin? In den Medien wird Nikotin gerne als tödliches Nervengift dargestellt. Toxikologisch und pharmakologisch ist Nikotin in den beim Dampfen oder Rauchen aufgenommenen Mengen ein mildes Stimulanz, vergleichbar mit Koffein. Es dockt an Rezeptoren an, schüttet unter anderem Dopamin und leichtes Adrenalin aus. Dadurch steigen Herzfrequenz und Blutdruck kurzzeitig minimal an. Ein Effekt, den auch jedes Treppensteigen, jeder Espresso oder ein spannendes Fußballspiel auslöst. Ein gesundes Herz bringt das nicht zum Stillstand.
Unabhängige Forschungsarbeiten, darunter die im August 2026 aktualisierten Analysen der renommierten Cochrane Collaboration sowie die wegweisenden Evidenzberichte der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England, bestätigen immer wieder: Das Schadenspotenzial von regulierten E-Zigaretten liegt um rund 95 Prozent unter dem von Tabakzigaretten, schwere Nebenwirkungen treten bei der Nutzung zur Rauchentwöhnung nicht gehäuft auf. Gerade für das Herz-Kreislauf-System ist der Wegfall von Kohlenmonoxid und tausenden Verbrennungsstoffen aus dem Tabakrauch eine massive Entlastung.
Wer profitiert von der Angst?
Der Tod von Can Akaş ist eine menschliche Tragödie, die Mitgefühl verdient. Doch was Medien und Lobbygruppen daraus machen, ist zynischer Missbrauch.
Für Organisationen wie die WHO, die seit Jahren einen ideologischen Kreuzzug gegen jede Form der Tabakschadensminimierung führt, kommen solche Einzelfälle wie gerufen. Auch für die Pharmaindustrie, deren wenig erfolgreiche Nikotinersatzprodukte wie Pflaster und Kaugummis durch die E-Zigarette massive Konkurrenz bekommen haben, ist jede Horrormeldung bares Geld wert. Und für Regierungen wie in der Türkei liefert der Fall die perfekte Rechtfertigung, um Gesetze weiter zu verschärfen, während die Steuereinnahmen aus dem Verkauf tödlicher Tabakzigaretten munter weiter sprudeln.
Wenn ein 19-Jähriger stirbt, braucht es saubere Forensik und medizinische Aufklärung statt billiger Propaganda. Wer aus dem ungeklärten Herztod eines Jugendlichen eine weltweite Warnung vor E-Zigaretten strickt, schützt keine Jugend. Er betreibt Desinformation auf Kosten der Wahrheit und hält Millionen erwachsene Raucher davon ab, auf eine nachweislich weniger schädliche Alternative umzusteigen.