22. Juli 2026
Krampfhaft Schädlich: Wie Antiquierte Testaufbauten und Extremwerte das Dampfen diskreditieren sollen
Wer sich seit Jahren intensiv mit Tobacco Harm Reduction und der E-Zigarette auseinandersetzt, kennt diese wiederkehrende Schleife: Regelmäßig schaffen es wissenschaftliche Arbeiten in die Medien, die reißerisch vor extremen Schadstoffbelastungen durch E-Zigaretten warnen. Schaut man jedoch hinter die Kulissen der Laboraufbauten, zeigt sich schnell das gewohnte Bild: Die gemessenen Giftstoffe entstehen fast nie durch den normalen Gebrauch, sondern werden durch gezielte, praxisferne Fehlbedienung der Testgeräte im Labor erzwungen.
1. Das Schema F der Anti-Dampf-Forschung
Um hohe Mengen an Carbonylen wie Formaldehyd, Acetaldehyd oder Acrolein in E-Zigaretten-Aerosolen nachzuweisen, bedarf es extrem hoher Temperaturen. Da moderne E-Zigaretten bei richtiger Anwendung – sprich bei ausreichender Liquidzufuhr und passender Belüftung – kaum nennenswerte Mengen dieser Zersetzungsprodukte erzeugen, greifen manche Testlaboratorien zu methodischen Trickkisten.
Ein aktuelles Schulbeispiel liefert die im Fachjournal Chemical Research in Toxicology erschienene Untersuchung von Fazeli et al. (2026). Die Autoren untersuchten, inwiefern bestimmte Aromenklassen die Bildung von toxischen Carbonylen verstärken. Ihre Schlussfolgerung klingt bedrohlich, wird jedoch bei genauerer Betrachtung des Versuchsaufbaus sofort entkräftet.
2. Der Blick auf den Prüfstand: Physics matter
Der renommierte Aerosolforscher und Physiker Dr. Roberto A. Sussman hat die Studie der Gruppe um Fazeli einer detaillierten Analyse unterzogen und seine Kritik auf der wissenschaftlichen Plattform PubPeer veröffentlich. Seine Befunde legen die drastischen Schwachstellen des Versuchsaufbaus offen:
- Veraltete Hardware: Eingesetzt wurde eine elf Jahre alte Mod-Hardware (Wismec Reuleaux RX200 aus dem Jahr 2015) mit einem 0,15-Ohm-Verdampferkopf. Moderne Marktstandards wie Pod-Systeme blieben unberücksichtigt.
- Physikalisch unmöglicher Luftstrom: Das Testset betrieb den Verdampfer bei Leistungen von 50 Watt und 90 Watt, kombiniert mit einem extrem geringen Zugvolumen von nur 1,5 Litern pro Minute.
- Der Überhitzungs-Effekt: Bei 50 bis 90 Watt Leistung benötigt ein Sub-Ohm-Verdampfer einen starken Luftstrom (Direct-to-Lung, typischerweise über 10 L/min), um die Coil zu kühlen. Ein Zufuhrstrom von nur 1,5 L/min führt unvermeidlich zum Hitzestau und zur Überhitzung des Liquids weit über seinen Siedepunkt hinaus.
3. Der Unterschied zwischen "Saturated" und "Overheating"
Ein häufiges Schutzargument der Studienautoren lautet, es habe kein Dry Hit (trockener Zug) vorgelegen, da der Tank stets mit Liquid befüllt war. Das ist jedoch ein weit verbreiteter Trugschluss in der Emissionstestung.
Wie Sussman und andere Aerosolforscher mehrfach nachgewiesen haben, beginnt die Pyrolyse (die thermische Zersetzung) der Trägerstoffe Propylenglykol (PG) und Pflanzliches Glyzerin (VG) sowie der Baumwollwatte schon lange bevor der Tank trocken läuft. Sobald die Coil mangels Kühlung die Schwelle zum sogenannten Film Boiling überschreitet, steigen die Temperaturen sprunghaft an. Ab ca. 300 bis 350 °C beginnt die Zersetzung der Zellulosefasern der Watte – unabhängig davon, wie viel Liquid im Tank vorhanden ist.
„Das Experiment kann gar nicht unterscheiden, ob die gemessenen Aldehyde aus den Aromen stammen oder einfach die Folge der massiven thermischen Überhitzung der Trägerstoffe und der Watte sind. Unter solchen Bedingungen entstehen immer Carbonyle – auch ganz ohne Aromen.“
— Dr. Roberto A. Sussman (PubPeer-Review 2026)
4. Warum solche Studien der Harm Reduction schaden
Wenn Laborautomaten E-Zigaretten unter Bedingungen abpumpen, die kein menschlicher Nutzer jemals tolerieren würde, entstehen Werte, die in der Öffentlichkeit für Panik sorgen. Ein Konsument würde ein derart überhitztes, verbrannt schmeckendes Aerosol nach dem ersten Zug sofort absetzen. Laborgeräte hingegen puffen stur weiter und sammeln die Zersetzungsprodukte im Messbehälter.
Die Folgen dieser Publikationen sind schwerwiegend:
- Fehlinformation der Öffentlichkeit: Medien greifen oft nur die Pressemitteilung auf („Aromen erzeugen Giftstoffe“), ohne die methodischen Mängel der Studie zu hinterfragen.
- Verunsicherung von Rauchern: Raucher, die über einen Umstieg auf das deutlich risikoärmere Dampfen nachdenken, werden durch solche Berichte gezielt abgeschreckt.
- Regulatorische Fehlentscheidungen: Gesetzgeber nutzen derartig verzerrte Daten als Grundlage für Aromenverbote oder Einschränkungen, was effektive Schadensminimierung blockiert.
Fazit
Die Messung von Schadstoffen unter physikalisch unbegründeten Extrembedingungen mag wissenschaftlich-theoretisch interessant sein, besitzt jedoch keinerlei Relevanz für die Bewertung des gesundheitlichen Risikos im realen Konsum. Solange wissenschaftliche Untersuchungen nicht die tatsächlichen Nutzungsbedingungen von Konsumenten abbilden, bleiben ihre Ergebnisse wenig mehr als ein künstlich erzeugtes Schreckgespenst.
Quellen & Referenzen:
- Fazeli, E. et al. (2026): Flavoring Compound Chemical Class and Vaping Conditions Determine Toxic Carbonyl Emissions from E-Cigarettes. Chemical Research in Toxicology.
- Sussman, R. A. (2026): Comment on: Flavoring Compound Chemical Class and Vaping Conditions Determine Toxic Carbonyl Emissions from E-Cigarettes. PubPeer.
- Soulet, S. & Sussman, R. A. (2025): Critical Appraisal of Exposure Studies of E-Cigarette Aerosol Generated by High-Powered Devices. Contributions to Tobacco & Nicotine Research.