18. Dezember 2025
„2,5-mal höher“ – und trotzdem nicht bewiesen: Wie eine wacklige Datenlage zur nächsten Vaping-Panik wird
Ich kenne dieses Muster inzwischen auswendig. Irgendwo erscheint eine neue „Studie“, irgendwo steht eine große Zahl – und plötzlich klingt es so, als wäre die Sache endgültig entschieden: Dampfen macht Herzinfarkt. Der Tenor ist immer ähnlich, die Schlagzeilen fast austauschbar. Und jedes Mal bleibt bei vielen Umsteigern genau ein Gefühl hängen: Unsicherheit. Oder schlimmer: Resignation – „dann ist ja eh alles gleich“.
Ich habe mir die zugrunde liegende Arbeit komplett angesehen. Es handelt sich um ein systematisches Review mit Meta-Analyse in BMC Public Health (2025, „accepted manuscript / article in press“). Und ja: Die Studie ist relevant. Aber nein: Sie ist kein Beweis dafür, dass E-Zigaretten Herzinfarkte verursachen.
Was diese Studie wirklich gemacht hat – und warum das wichtig ist
Eine Meta-Analyse klingt nach „groß“ und „endgültig“. In Wirklichkeit ist sie erstmal nur ein Rechenverfahren: Man nimmt vorhandene Studien, bewertet sie und versucht daraus ein Gesamtbild zu bauen. Das kann stark sein – wenn die Einzelstudien stark sind.
Hier liegt das Problem: In dieser Meta-Analyse wurden 12 Studien ausgewertet. Und davon sind 11 Querschnittsstudien.
- Was bedeutet Querschnitt? Man fragt Menschen zu einem einzigen Zeitpunkt, ob sie dampfen – und ob sie irgendwann in ihrem Leben einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten.
- Das Problem dabei: Das ist keine Zeitreise. Das zeigt keine Reihenfolge. Du weißt nicht sauber: Kam das Dampfen vorher? Kam der Herzinfarkt vorher? Oder ist beides über andere Faktoren miteinander verbunden?
Dazu kommt: Die Daten stammen fast vollständig aus den USA (plus eine Studie aus Japan). Wer also irgendwo liest „Studie aus Indien“, muss verstehen: Die Autor:innen sitzen zwar in Indien – aber die untersuchten Datensätze sind keine „indischen Patientendaten“.
Was als Ergebnis herauskommt (und welche Zahl die Medien lieben)
Beim Thema Herzinfarkt (MI) findet die Meta-Analyse insgesamt eine statistische Assoziation: Im Gesamtergebnis liegt die sogenannte Odds Ratio bei 1,53. Das klingt nach „deutlich“, wird dann schnell als „Risiko erhöht“ übersetzt – und landet in den Schlagzeilen.
Noch lauter wird es bei einer Untergruppe:
- Ex-Raucher, die aktuell dampfen: Dort liegt die Odds Ratio bei 2,52. Und genau daraus wird dann in den Medien ein „2,5-mal höheres Herzinfarkt-Risiko“.
Beim Thema Schlaganfall (Stroke) ist das Bild weniger dramatisch, aber genau das geht oft unter:
- Das Gesamtergebnis ist nicht statistisch signifikant (OR 1,05).
- Trotzdem findet sich in der Untergruppe „Ex-Raucher, die jetzt dampfen“ eine höhere Odds Ratio (OR 1,73) – und das wird dann medial gerne groß gespielt, während das nicht-signifikante Gesamtergebnis klein bleibt.
Und jetzt kommt der Teil, der in vielen Artikeln komplett zu kurz kommt: Bei den „exklusiven“ E-Zigaretten-Nutzer (also Menschen ohne jegliche Rauchhistorie) ist in dieser Meta-Analyse nichts signifikant erhöht – weder bei Herzinfarkt (OR 0,96) noch bei Schlaganfall (OR 0,97). Die Unsicherheit ist dabei zwar groß (breite Konfidenzintervalle), aber es passt eben nicht zur Panik-Erzählung.
Was die Studie damit belegt – und was sie nicht belegen kann
Die Studie belegt, dass es in den ausgewerteten Daten eine statistische Assoziation gibt – vor allem bei Herzinfarkt. Punkt.
Sie kann aber nicht belegen, dass Dampfen die Ursache ist. Das ist kein kleiner Unterschied, das ist der Kern. Denn mit überwiegend querschnittlichen Daten kannst du Ursache und Wirkung nicht sauber trennen. Und genau das wird in der Studie selbst als große Limitation benannt.
Wenn Medien daraus formulieren „E-Zigaretten erhöhen das Herzinfarkt-Risiko“, dann klingt das nach Kausalität. Die Datenbasis liefert aber nur: „tritt gemeinsam auf“ – und selbst das unter Bedingungen, die extrem anfällig für Verzerrungen sind.
Der Elefant im Raum: Der Raucher-Rucksack
Warum sieht es ausgerechnet bei Ex-Rauchern so heftig aus? Ganz simpel: Ex-Raucher sind keine „neutralen“ Menschen. Wer viele Jahre geraucht hat, trägt einen Rucksack aus Vorschäden mit sich herum:
- Gefäßveränderungen und Plaques
- Chronische Entzündungsprozesse
- Blutdruckthemen und Stoffwechselprobleme
- Lebensstil- und Stressfaktoren
Das alles verschwindet nicht automatisch, nur weil jemand jetzt statt der Tabakzigarette eine E-Zigarette nutzt.
Und dann gibt es noch zwei entscheidende Faktoren, die in solchen Datensätzen immer wieder unterschätzt werden:
- Rest-Confounding durch Rauchen: Viele Studien erfassen das frühere Rauchverhalten nicht perfekt. Manche Menschen geben es ungenau an, manche sind heimliche Dual-User, manche rauchen „nur ab und zu“. Und genau solche Details entscheiden beim Herzrisiko massiv. Die Studie schreibt selbst, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass aktuelles oder früheres Rauchen unvollständig erfasst wurde.
- Reverse Causality (Umgekehrte Kausalität): Menschen steigen häufig gerade wegen gesundheitlicher Probleme um. Wenn jemand einen Herzinfarkt hatte und danach sagt „Ich muss weg vom Tabak“ und auf die E-Zigarette wechselt, taucht er später in Umfragen als „Dampfer mit Herzinfarkt-Historie“ auf. In einem Querschnittsdesign sieht das dann so aus, als wäre das Dampfen die Ursache gewesen – obwohl es in der realen Reihenfolge erst danach kam.
Die Medien-Maschine: Wie aus „Odds“ plötzlich „Risiko“ wird
Ein weiteres Detail: Die Studie arbeitet mit Odds Ratios (Chancenverhältnissen). Das ist statistisch sauber – aber im Alltag wird daraus fast immer pauschal das Wort „Risiko“ gemacht. Das klingt eindeutiger, ist klickbarer und macht mehr Druck.
Was dabei fast nie erklärt wird: Eine Odds Ratio ist nicht automatisch gleichbedeutend mit „du hast ein 2,5-mal so hohes reales Risiko“. Vor allem sagt sie nichts darüber aus, wie groß das Risiko absolut ist. Eine große relative Zahl kann am Ende trotzdem ein extrem seltenes Ereignis beschreiben. Diese Einordnung fehlt fast immer – weil sie die Schlagzeile entschärfen würde.
Und genau so entsteht aus einer vorsichtigen Beobachtung ein medialer Satz, der sich liest wie ein endgültiges Urteil.
Was man fairerweise trotzdem sagen muss
Kritik an den Medien heißt nicht, dass man alles blind wegwischt. Natürlich ist es plausibel, dass Dampfen nicht komplett „neutral“ für den Körper ist – schon allein, weil Nikotin und Inhalationsaerosole physiologisch Reaktionen auslösen können. Die Studie diskutiert Mechanismen, die man zumindest als biologisch plausibel betrachten kann.
Aber: Plausibilität ersetzt keinen Beweis. Und diese Arbeit liefert eben keinen Beweis für den Satz „Dampfen verursacht Herzinfarkte“. Sie liefert ein Signal, das in einer ganz bestimmten Population (Ex-Raucher) besonders stark ist – also genau dort, wo der statistische „Raucher-Rucksack“ am meisten verzerrt.
Mein Fazit: Weniger Panik, mehr saubere Fragen
Wenn du diese Meta-Analyse ernst nimmst, dann lautet die ehrliche Schlussfolgerung nicht „Dampfen ist genauso schlimm“. Sie lautet:
Wir sehen in Beobachtungsdaten eine Assoziation – vor allem bei Ex-Rauchern. Aber wir können nicht sauber sagen, ob das Dampfen die Ursache ist, weil die Studiendesigns zu schwach sind, das Rauchen als Störfaktor nicht zuverlässig „wegzurechnen“ ist und die zeitliche Reihenfolge häufig unklar bleibt.
Und genau deshalb ist es so unerquicklich, wenn Medien wieder den simplen Satz daraus machen: „E-Zigaretten erhöhen das Herzinfarkt-Risiko.“ Das ist nicht Aufklärung. Das ist eine Erzählung – und sie hat gefährliche Nebenwirkungen.
Denn die schlimmste Nebenwirkung ist nicht, dass die Öffentlichkeit kritisch wird. Die gefährlichste Nebenwirkung ist, dass Menschen, die vom Tabak weg wollten, am Ende denken: „Dann ist es eh egal“ – und zur Tabakzigarette zurückkehren.
Wenn wir das Thema wirklich seriös klären wollen, brauchen wir nicht die nächste schnelle Headline. Wir brauchen gute Langzeitdaten: Eine klare Trennung von Nie-Rauchern, Ex-Rauchern und Dual-Usern, eine exakte Erfassung der Packyears, der Zeit seit dem Rauchstopp und echte Verlaufsmessungen über Jahre hinweg. Erst dann kann man fundiert über Ursachen sprechen. Alles andere ist vor allem eins: ein sehr lauter Nebel.